Zwangsarbeit in einem Kieswerk 1939 – 1945

(am Beispiel der Baufirma Habermann & Guckes)

1. Die Firma Habermann & Guckes

Im Jahre 1900 sind die Firmen von Arnold Habermann und Jean Guckes noch eigenständig als Bauunternehmen bzw. Tiefbauunternehmen im Adressbuch der Stadt Kiel verzeichnet. Das hat sich 1903 geändert, denn die beiden Herren werden jeweils als Mitinhaber der Firma Habermann & Guckes bezeichnet, die ihren Sitz offensichtlich in der Hasenstraße 22 hatte. Seit 1909 werden A. Habermann und J. Guckes als Direktoren der neu gegründeten Aktiengesellschaft erwähnt. Der Firmensitz ist jetzt Sophienblatt 62a in Kiel. Man hat sich auf den Tiefbau spezialisiert, und seit 1919 gibt es auch Zweigniederlassungen in Berlin und Hamburg. In den Adressbüchern von 1923 und 1940 wird die Firma unter dem Namen Habermann & Guckes-Liebold A.G. geführt.[1-1]

Das Engagement der Firma im Bordesholmer Raum lässt sich bis an den Anfang der zwanziger Jahre zurückverfolgen. In Loop wurde ein Kieswerk betrieben, und 1920 stellte man beim Kreis Bordesholm Antrag auf einen eigenen Gleisanschluss am Bahnhof in Einfeld. Zwei Jahre später folgte ein entsprechender Antrag für den Bahnhof in Bordesholm, obwohl die Firma frühestens 1929 mit dem Kiesabbau in Brüggerholz begonnen haben kann.[1-2]

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 Topographische Karten im Maßstab 1:25.000, Nr. 1826 Brügge (Ausgabe 1943) und Nr. 1726 Flintbek (Ausgabe 1944). Von der Verladestation in Wattenbek [1] (nordöstlich des Bordesholmer Bahnhofs)[1-3] führte eine Schmalspurbahn parallel zur Reichsbahnstrecke Hamburg – Kiel nach Norden. Am nördlichen Ortsrand von Reesdorf wurde die Bahnlinie nach Osten geführt und kam in Brüggerholz im Kieswerk [2] an. Hier befanden sich aufwändige Anlagen zur Kiesverarbeitung. Die Schmalspurbahn führte jedoch noch weiter nach Nordosten und erreichte schließlich das eigentliche Kiesabbaugebiet [3] am so genannten Kaplansberg.

Die Firma Habermann & Guckes wurde innerhalb kurzer Zeit zum größten Arbeitgeber in dieser Gegend, obwohl die Geschäfte anfangs noch deutlich unter der wirtschaftlichen Krisensituation der Weimarer Republik litten. Aus dem Jahre 1931 ist bekannt, dass der Betrieb im Frühjahr wegen Auftragsmangel für mehrere Wochen stillgelegt werden musste.[1-4] Das änderte sich 1933 schlagartig, denn jetzt konnte man „infolge vermehrter Aufträge Neueinstellungen von Arbeitskräften vornehmen“. Die Belegschaft wuchs auf 105 Mann, und die Arbeit war zumindest bis zum folgenden Frühjahr gesichert.[1-5] Das Kieswerk entwickelte sich zum Musterbetrieb der Deutschen Arbeitsfront (DAF) und diente jeweils am 1. Mai als Veranstaltungsort für die Feierlichkeiten zum „Tag der nationalen Arbeit“. 1934 waren 500 Teilnehmer zu verzeichnen, Parteivertreter der NSDAP hielten markige Reden, und gemeinsam lauschte man den Worten des „Führers“, die vom Tempelhofer Feld in Berlin über einen Großlautsprecher auch nach Brüggerholz übertragen wurden.[1-6]

"Tag der nationalen Arbeit" am 1. Mai 1934 in Brüggerholz

Das Unternehmen profitierte von den vielen staatlichen Bauaufträgen und ist im Laufe der Zeit immer eindeutiger zu einem kriegswichtigen Betrieb aufgestiegen. Der Holsteinische Courier stellte die Firma im Juli 1939 in einem längeren Artikel vor: „Zwei Kieswerke hauptsächlich liefern das Material für den ausgedehnten Wegebau in unserer Provinz: die Grube ‚Nordmark‘ bei Tarp und das Werk Bordesholm der Aktiengesellschaft Habermann & Guckes.“ Über die Arbeit im eigentlichen Kieswerk [2] heißt es: „Hier sortieren mächtige Trommelsiebe das auf laufende Bänder geschüttete Material. Mehr als ein halbes Dutzend Brechanlagen knacken dann die harten Nüsse aus Granit oder Grauwacke zu jeder gewünschten Größe entzwei. ... Natürlich gibt es Steinriesen in Mengen, die für die laufenden Bänder und die Paternosteraufzüge des Werkes gar zu klobig sind. Sie werden der Menschenkraft ausgeliefert: acht Steinhauer gehen ihnen mit über 30 Pfund schweren Hämmern zu Leibe. Wahrlich, eine anstrengende Arbeit, die freilich ihren Mann nährt. Hier spielt eine große Erfahrung die ausschlaggebende Rolle; es ist erstaunlich, mit welcher List und Tücke die Zahl der nötigen Schläge auf das geringste Maß heruntergedrückt wird. Das verkaufsfertige Material wird in langen Zügen nach dem Verladebahnhof [1] hinaufgebracht, von wo aus es nach allen Gegenden der Provinz abrollt.” [1-7] (hier: der vollständige HC-Artikel vom 08.07.1939)

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[1-1] Adressbücher der Stadt Kiel im Stadtarchiv.

[1-2] Kreisblatt für den Kreis Bordesholm für die Jahre 1920 (S. 250 und S. 381) und 1922 (S. 283). Aus dem Artikel im HC vom 11.12.1928 ist lediglich die Absicht erkennbar, in naher Zukunft in Brüggerholz tätig zu werden (vgl. Anm. 0-1).

[1-3] Das Gelände mit den noch gut zu erkennenden Betonresten der ehemaligen Verladerampe befindet sich zwischen dem Getränkelager der Firma Riepen im Osten, der Umgehungsstraße (ehemalige L 49) im Norden und der Bahnlinie im Westen. Also in unmittelbarer Nähe des heutigen Gewerbegebietes Nienröden. Das Lagergelände darf nicht bebaut werden: dies aber leider nicht aus historischen oder denkmalpflegerischen, sondern aus Gründen des Naturschutzes.

[1-4] HC vom 28.03.1931.

[1-5] HC vom 27.11.1933.

[1-6] HC vom 4. und 5.5.1934.

[1-7] HC vom 8.7.1939.